Freundschaftsdienste ?
- Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 05. Januar 2012 um 06:59 Uhr
Und bitte ertränkt die Palme nicht wieder, die Margerite auf dem Balkon braucht unbedingt und täglich Wasser, bei den Geranien müssen die welken Blätter abgezupft werden, und den Käse aus dem Kühlschrank dürft ihr mitnehmen. In vier Wochen sind wir schon wieder zurück, tschüs, macht's gut, und wir schreiben euch auch.
Wer so leichtsinnig ist, in der Urlaubshochsaison daheim auszuharren, wird plötzlich der allerbeste Freund. Einer, dem man wirklich sein Hab und Gut, seinen Ficus und seinen Kanarienvogel, seinen Goldhamster und seinen Goldfisch anvertrauen kann. Alle sind weg, aber wir sind da - ausgerüstet mit einer Schlüsselsammlung, die mit der eines Hausmeisters locker konkurrieren kann.
Wer will denn schon so herzlos sein und frank und frei sagen: Ich hasse Katzen, also bringt sie doch ins Tierheim. Wir nicht. Wir gießen hier den Farn mit lauwarmer Milch und sprechen ein paar einfühlsame Worte mit dem Ficus, um gleich darauf dort unseren Pflichten als Katzenstiefeltern nachzukommen. Durch die Wohnung unserer Tierfreunde wabert der widerlich-süßliche Geruch von Dosenfutter. Mit zugehaltener Nase und Todesverachtung schütten wir Leber ins Näpfchen und eilen zur dringend nötigen Entsorgung der gewaltigen Katzenstreuklumpen. Schmusegierig schleicht das bezaubernde Biest um unsere Beine.
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Kurzum: Die Ferienmonate sind eine harte Bewährungsprobe für langgediente Freundschaften. Gottlob konnte mit dem Hinweis auf eine völlig tierhaltungsuntaugliche Zweizimmerwohnung und das strikte Verbot, auch nur einen Zwergpinscher für fünf Tage mit ins Büro"zu nehmen, die Bitte abgeschlagen werden, dem Rottweiler einer Freundin Quartier, Futter, Pflege und Zuneigung angedeihen zu lassen.
Mit einer Kontrolliste in der Hand hetzen wir von Termin zu Termin. Bloß nichts durcheinanderbringen: die Körnchen für die Guppys ins Aquarium, die Katzenstreu nicht in den Futternapf, sondern in die Toilette, Quatsch, dort hinein auf keinen Fall, sondern ins Katzenklo, Donnerstag müßte nach unserer Strichliste die Yuccapalme gegossen werden und anschließend drei Stadtviertel weiter die ZEIT aus dem Briefkasten geholt werden, aber sofort, damit sie keiner klaut.
Nach für uns erlebnisund abwechslungsreichen Wochen kehren alle wieder heim, und wir beteuern ein ums andere Mal, daß der reizende Schlüsselanhänger als Mitbringsel doch gar nicht nötig und uns die Pflege von Hamster und Hibiskus doch nachgerade ein Vergnügen gewesen sei. Wir bedauern aufrichtig, daß der Lieblingsfisch des Hausherrn verschieden und die Geranie eingegangen ist, und können uns überhaupt nicht erklären, warum die Katze sich plötzlich so hysterisch aufführt. Also bei uns hat sie sich nie so benommen.
Endlich können wir nun ans Verreisen denken. Wem aber erweisen wir die Gunst, auf unsere Wohnung aufpassen zu dürfen? Es soll ja keiner beleidigt sein, daß wir ihm nicht den Schlüssel zu unserem Allerheiligsten anvertrauen. Schließlich handelt es sich dabei um einen echten Freundschaftsbeweis.
Der Beitrag von Monika Putschögl | © DIE ZEIT, 24.09.1993 Nr. 39ist zwar nicht mehr ganz taufrisch, aber m.E. so gut, dass es auch heute noch viel Spaß bereitet ihn zu lesen.


